{"id":3158,"date":"2020-11-04T13:30:02","date_gmt":"2020-11-04T12:30:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/?p=3158"},"modified":"2024-09-02T17:47:41","modified_gmt":"2024-09-02T15:47:41","slug":"ich-suche-meine-jugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/ich-suche-meine-jugend\/","title":{"rendered":"Ich suche meine Jugend"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-one-full fusion-column-first fusion-column-last\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-margin-bottom:0px;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-flex-column-wrapper-legacy\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\"><p>In der Rubrik \u201eSo war es damals\u201c berichtete die Zeitschrift \u201eBurgenl\u00e4ndische Gemeinschaft\u201c vom Fortschritt, Aufbruch und zunehmenden Wohlstand des Burgenlandes. Frau Annemarie Sahloul, vor Jahren von W\u00f6rterberg nach London ausgewandert, stand dieser Entwicklung ambivalent gegen\u00fcber und schrieb anmerkend schrieb dazu einen Leserbrief:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/W\u00f6rtherberg.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3159\" src=\"https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/W\u00f6rtherberg-300x194.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"194\" srcset=\"https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/W\u00f6rtherberg-200x129.png 200w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/W\u00f6rtherberg-300x194.png 300w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/W\u00f6rtherberg-400x258.png 400w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/W\u00f6rtherberg-600x387.png 600w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/W\u00f6rtherberg.png 640w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u201eLieber Herr Dujmovits!<br \/>\nSie beschreiben eingehend und ausf\u00fchrlich die gro\u00dfen \u00c4nderungen im Burgenland und seinen D\u00f6rfern. Sie berichten von Fortschritt und da ist ein Aufruf zum Begegnen all dieser neuen Anforderungen. Sie erkennen ein Abbrechen der alten Grenzen und deuten auf neue Weiten, neue \u00f6konomische und soziale M\u00f6glichkeiten. Ein st\u00e4ndiger Drang zum Fortschritt und Aufbruch.[\u2026] Ich erinnere mich sehr wohl an die harte Arbeit, den kargen Ertrag und wenig Komfort am Ende von Jahre schwerer Arbeit. Und so bin ich mit meinen Landsleuten stolz, da\u00df sie durch die Arbeit ihrer flei\u00dfigen H\u00e4nde nun auch Wohlstand erreicht haben. Und so frage ich mich, mein Burgenland, warum ich mich nur halb freuen kann?<br \/>\nF\u00fcr lange Jahre warst du das arme Kind von \u00d6sterreich und doch lag in dieser Armut Dein Reichtum. Im kleinen Bereich kann der Mensch sich entfalten. Im einfachen und in dem was der Mensch selbst schaffen und \u00fcberblicken kann, findet er Zufriedenheit und Erf\u00fcllung. Innerhalb kleiner Gemeinschaften lernt der Mensch die Grenzen von Freuden und Leiden zu verstehen und Schicksalhaftes zu meistern.<br \/>\nWie schade, da\u00df der Fortschritt so rasant unser l\u00e4ndliches Leben in die Museen transportiert hat. Obwohl anerkennend und dankbar der M\u00fche der Menschen, die diese Museen erm\u00f6glichen und so die Geschichte des Bauernstandes im Burgenland bereichern, empfinde ich beim Besuch immer tiefe Traurigkeit, da die Ger\u00e4usche dieser Werkzeuge und Gegenst\u00e4nde f\u00fcr immer verstummt sind. Nicht so in meinen Erinnerungen. Meine Besuche von W\u00f6rtherberg sind kurz und viel zu selten und ich gestehe, da\u00df ich meine Eindr\u00fccke ohne genauere \u00dcberlegung fasse. Doch merke ich, da\u00df es von Jahr zu Jahr stiller wird im Dorf. Jedes Jahr finde ich neue und immer gr\u00f6\u00dfere H\u00e4user mit schweren T\u00fcren und Toren mit T\u00fcrglocken. Blumen in \u00dcberf\u00fclle. Leere Felder, leere Stra\u00dfen -leeres Dorf -wenige Menschen. Sie arbeiten ausw\u00e4rts. Sie tragen Sonntagskleidung an Arbeitstagen und sie sprechen Sonntagssprache. Oh weh, oh weh mein W\u00f6rtherberg, wie bist du so modern und anders geworden in meiner Abwesenheit. Ich vermisse die offenen T\u00fcren; ich vermisse in barfu\u00df die Kinder und in Alltagskleidung, die Menschen am Wege zur Arbeit mit Sense und Sichel, die Getreidew\u00e4gen, schwer beladen. Ich vermisse den Geruch von duftendem Heu und k\u00fchlem Klee, den heimlichen Geruch der Tiere. Ich suche die alten H\u00e4user, die Stadeln und Scheunen. Ich suche die bescheidenen Bl\u00fcten, das Einfache, das Gewohnte. Jedes Jahr suche ich meine Kindheit und Jugend und finde sie nimmermehr.<br \/>\nVielleicht sagen sich die Leute von W\u00f6rtherberg, da\u00df meine Worte romantisch und sentimental sind. Vielleicht erinnern sie sich mehr an die Entbehrungen, Sorgen um gute Ernten, an das Beengende des Dorflebens ohne viel Aussicht auf eine Verbesserung; warum vielleicht auch ich zum Wanderstab griff. Irgendwo zwischen dem Idyllischen und der Realit\u00e4t liegen meine Gef\u00fchle des Verlustes, die ich erkennen mu\u00df und die ich, lieber Herr Dujmovits, auch in Ihren Zeilen &#8220;So war es damals&#8221;, wahrnehme. Da liegt die Wehmut der Erkenntnis, da\u00df mit dem Wohlstand und Aufstieg das Burgenland und seine Menschen auch Kostbares verloren haben. Inmitten des Arbeitsleides lag die enge Verbundenheit zur Natur, zu den Menschen im Dorf; einander kennen und vertrauen k\u00f6nnen. Eine Unabh\u00e4ngigkeit von komplizierter Technik; ein Gef\u00fchl, da\u00df ich Meister meines Daseins bin, da\u00df meine Familie und die Gemeinschaft das Talent haben, all das zu produzieren, was ich von der Wiege bis zum Grabe brauche.<br \/>\nIch erinnere mich an einen Novembertag in meiner Jugend. Kalt, grau und die ersten Schneewolken am Horizont. M\u00fchsam zogen unsere K\u00fche die letzte Fuhre von &#8220;Kukuruz-Stenken&#8221; in die Scheune. Sehr bald darauf fielen die ersten Schneeflocken. Als ich den Riegel des Scheunentores schlo\u00df, hatte ich das Gef\u00fchl, da\u00df der Kreis des Jahres sich allm\u00e4hlich schlie\u00dft und in diesem Kreis schien die Ganzheit unseres Daseins zu liegen. Sehr selten seither hatte ich das Gef\u00fchl solcher Ganzheit.<br \/>\nGanz herzlich, Ihre Annemarie Sahloul&#8221;<br \/>\n(Burgenl\u00e4ndische Gemeinschaft 11\/12 1996. Nr.344)<\/p>\n<\/div><div class=\"fusion-clearfix\"><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Auswandererin, die vor Jahren von W\u00f6rterberg nach London zog, stand der Fortschrittsentwicklung ihres Heimatdorfes ambivalent gegen\u00fcber und schrieb anmerkend dazu einen Leserbrief.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3159,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[282,32,41],"tags":[247],"class_list":["post-3158","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-282","category-migration","category-soziales","tag-woerterberg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3158","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3158"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3158\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4687,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3158\/revisions\/4687"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3159"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3158"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3158"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}