{"id":3949,"date":"2023-04-03T13:30:24","date_gmt":"2023-04-03T11:30:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/?p=3949"},"modified":"2024-09-02T18:35:42","modified_gmt":"2024-09-02T16:35:42","slug":"eine-gemeinde-auf-sich-selbst-angewiesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/eine-gemeinde-auf-sich-selbst-angewiesen\/","title":{"rendered":"Eine Gemeinde, auf sich selbst angewiesen"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend im Burgenland der Zweite Weltkrieg mit dem Einmarsch der Roten Armee Anfang April beendet war, dauerte dieser in den anderen Teilen \u00d6sterreichs noch rund ein Monat an. In dieser Zeit waren sich die Gemeinden und die Bev\u00f6lkerung bewusst, dass sie sich, trotz der Lebensmittel- und Vieh-Requirierungen, trotz leerer Gesch\u00e4fte und der Tatsache, von alliierten Hilfslieferungen abgeschnitten zu sein, selbst versorgen mussten. Die Landwirte versuchten mit den geringen verf\u00fcgbaren Mitteln die Felder zu bestellen, um gen\u00fcgend Ertr\u00e4ge f\u00fcr die Selbstversorgung zu erwirtschaften. Um auch die Versorgung der nichtb\u00e4uerlichen Bev\u00f6lkerung zu sichern und das Ern\u00e4hrungswesen zu organisieren, wurden Kontrollaussch\u00fcsse gebildet, die in jedem Ort aus dem B\u00fcrgermeister und einem Vertreter der Produzenten (einem Landwirt) und der Konsumenten (einem Arbeiter) bestanden. Zudem wurde eine Aufbringungskommission erstellt, die aus Vertretern der Parteien bestand und mit Gendarmerie-Unterst\u00fctzung von Haus zu Haus ging und die Bauern aufforderte, Brotgetreide, Wein, Fleisch und andere Lebensmittel abzugeben. Ein Bericht vom Frauenkirchner B\u00fcrgermeister Martin Wetschka vom 8. Juli 1945 verdeutlicht die Ern\u00e4hrungssituation im Bezirk zu dieser Zeit:<br \/>\n<em><a href=\"https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Frauenkirchen-um-1924.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3951\" src=\"https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Frauenkirchen-um-1924-300x185.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Frauenkirchen-um-1924-200x123.jpg 200w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Frauenkirchen-um-1924-300x185.jpg 300w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Frauenkirchen-um-1924-400x246.jpg 400w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Frauenkirchen-um-1924-600x369.jpg 600w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Frauenkirchen-um-1924.jpg 640w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u201eAm 15 .4. 1945 begannen wir in Frauenkirchen mit einer Fleischzuweisung bei einer Kopfquote von 25 dkg. Infolge der fortgesetzten Requirierungen schrumpfte der Viehstand so katastrophal, dass ich mich zuletzt auf eine Staffelung der Quoten und zwar f\u00fcr die Jahrg\u00e4nge 1935-45: 10 dkg, 1930-1934: 15dkg, 1929 und \u00e4lter 20 dkg pro Woche beschr\u00e4nken musste. Trotzdem ist der w\u00f6chentliche Bedarf rund 430 kg [\u2026]. Dies bedeutet, dass w\u00f6chentlich zwei Rinder zur Schlachtung kommen m\u00fcssen. Dieser Bedarf w\u00e4chst in dem Ausma\u00dfe, als R\u00fcckwanderer und Heimkehrer eintreffen. Wir haben den Paulhof, der nicht zum Verwaltungsgebiet der Gemeinde Frauenkirchen geh\u00f6rt, nachdem sich um die dort wohnende Bev\u00f6lkerung niemand angenommen hat, in unsere Versorgungsordnung einbezogen. Vom Paulhof bekamen wir wohl Vieh, jedoch ist auch dort der Viehbestand ersch\u00f6pft. [\u2026] Ich habe vor f\u00fcr die Schnitter, au\u00dfer der versprochenen Mehlzubusse, mit einer Fleisch- und Wurstzuteilung vorzugehen. [\u2026] denn es handelt sich um die Entlohnung einer der schwersten Arbeiten, [\u2026] Die erste Mehlzuteilung erfolgte am 22. April 1945 und betrug pro Person 1,75 kg. Eine weitere Zuteilung bestand aus 10 kg Weizen, 1 kg Korn und 1 kg Gerste. Mengenm\u00e4\u00dfig ausgedr\u00fcckt besteht ein Erfordernis von einem Waggon pro Woche. Diese Menge aufzubringen wird von Tag zu Tag schwerer. [&#8230;]. Das gr\u00f6\u00dfte Problem ist jedoch die Inbetriebnahme des Elektrizit\u00e4tswerkes und damit der M\u00fchle. Die Bestandteile des Elektrowerkes mussten erst aus Bruck geholt werden, doch treten immer wieder Unterbrechungen auf, sodass die Mehlversorgung in Frage gestellt wird. Ein unl\u00f6sbares Problem ist die Versorgung mit Zucker. Die geringen noch zur Verf\u00fcgung stehenden Best\u00e4nde wurden \u00fcber \u00e4rztliche Verschreibung f\u00fcr Kinder bis zu 6 Monate [sic!] zugeteilt. Der Vorrat ist jedoch ersch\u00f6pft. Wenn heuer eine Zuckerr\u00fcbenproduktion von 5000 Waggon erfolgt, so sind 7 Millionen kg Zucker zu erwarten. Es w\u00fcrde somit beil\u00e4ufig 1 kg Zucker pro Kopf und Jahr entfallen. Der fr\u00fchere Jahresverbrauch pro Person war 26 kg. [\u2026] Von den Imkern brachten wir Honig auf und gaben diesen \u00fcber \u00e4rztliche Verordnung nur f\u00fcr Kinder ab. Auch dieser Vorrat ist verbraucht. Es erfolgten dann Zuteilungen von Griess und zwar einmal 1 kg und dann 40 dkg pro Person. Salz wurde dreimal zugeteilt. Milch wird laufend f\u00fcr Kinder bis zu 3 Jahren im Ausma\u00dfe von \u00be Liter und f\u00fcr Kinder bis 6 Jahren mit \u00bd Liter verabreicht. Je einen halben Liter erhielten kranke und alte Leute. Die Kindern\u00e4hrmittel wurden ebenfalls, solange der Vorrat reichte, nach Bed\u00fcrftigkeit und Vorrat abgegeben. Der Schweinebestand ist durch Requirierungen gleich Null. Ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung ist seit Monaten ohne Fett. Ich habe die Absicht die Landwirte zu einer Freiwilligen Abgabe von Fett aufzurufen, um diese dann an Bed\u00fcrftige abzugeben. Ich denke, dass wir von ca. 400 Haushalte [sic!] je \u00bc kg Fett gestellt bekommen werden. [\u2026].\u201c<br \/>\n<\/em>(BLA, Ereignisse 1945-1955. Bezirk Neusiedl am See. Frauenkirchen)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend im Burgenland der Zweite Weltkrieg mit dem Einmarsch der Roten Armee Anfang April beendet war, dauerte dieser &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3951,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[285,69],"tags":[25],"class_list":["post-3949","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-285","category-besatzungszeit","tag-frauenkirchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3949","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3949"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3949\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3952,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3949\/revisions\/3952"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3951"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3949"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3949"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3949"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}