{"id":5203,"date":"2026-06-14T07:52:07","date_gmt":"2026-06-14T05:52:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/?p=5203"},"modified":"2026-06-14T07:56:25","modified_gmt":"2026-06-14T05:56:25","slug":"ich-habe-traurige-nachrichten-ueber-mattersburg-erhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.brettl.at\/blog\/ich-habe-traurige-nachrichten-ueber-mattersburg-erhalten\/","title":{"rendered":"\u201eIch habe traurige Nachrichten \u00fcber Mattersburg erhalten \u2026\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1100.32px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:0px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\"><p>1929 lie\u00df sich Richard Berczeller als praktischer Arzt in Mattersburg nieder. Als assimilierte Juden war die Familie Berczeller zwar keiner Anfeindung ausgesetzt, eine vollst\u00e4ndige Integration blieb ihr aber verwehrt. Seine Aktivit\u00e4ten als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und ab 1934 der Revolution\u00e4ren Sozialisten f\u00fchrten w\u00e4hrend des Austrofaschismus dazu, dass Dr. Richard Berczeller mehrmals verhaftet und ihm der Dienstvertrag entzogen wurde. Im M\u00e4rz 1938 wurde er, gemeinsam mit anderen Mattersburger J\u00fcdinnen und Juden, verhaftet, seines Besitzes beraubt und aus seinem Heimatort nach Wien vertrieben. Noch 1938 gelang ihm die Ausreise nach Paris und sp\u00e4ter an die Elfenbeink\u00fcste. 1941 wurde ihm und seiner Familie die Einreise in die Vereinigten Staaten gew\u00e4hrt. Nach Kriegsende nahm er wieder Kontakt mit ehemaligen Freunden in Mattersburg auf.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Zeitungsbericht.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5204\" src=\"https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Zeitungsbericht-246x300.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Zeitungsbericht-200x244.jpg 200w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Zeitungsbericht-246x300.jpg 246w, https:\/\/www.brettl.at\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Zeitungsbericht.jpg 292w\" sizes=\"(max-width: 246px) 100vw, 246px\" \/><\/a>Brief vom 19. April 1946 von Richard Berczeller, wohnhaft in New York, an Josef Meidl, B\u00fcrgermeister von Mattersburg:<br \/>\n<em>\u201eLieber Genosse Meidl,<br \/>\n<\/em><em>Ich danke Ihnen herzlichst f\u00fcr Ihre lieben und herzlichen Zeilen. Es war sicher ein gro\u00dfes Erlebnis f\u00fcr mich von einem so alten und erprobten Freund ein Lebenszeichen zu <\/em><em> erhalten. Es erweckte in mir alte Erinnerungen an eine so weit zur\u00fcckliegende Zeit in der ich gerne und mit viel Enthusiasmus als Arzt und Sozialist in Mattersburg lebte und wirkte. Sie wissen, dass ich es mit allen ernsten Problemen des Lebens ernst meine und so war meine Einstellung gegen\u00fcber Fragen meines Berufes und meiner Ideologie auch in Mattersburg eine korrekte und kompromisslose. lch <\/em><em>freue mich aus<\/em> <em>ihrem Brief entnehmen zu k\u00f6nnen, dass viele Menschen in Mattersburg dies richtig einsch\u00e4tzten.<br \/>\n<\/em><em>Ich hatte in Mattersburg es oft sehr schwer. Im Jahre.1934 wurde der erste Schlag gegen mich versetzt. Ohne Grund und Ursache wurde mir meine Krankenkassenstelle genommen, die mich so wichtig war, nicht nur aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden, sondern weil ich Arbeiter gerne behandelte. Meine Kollegen Strobl und Seedoch traten mein Erbe an und ich wei\u00df nicht, ob sie imstande waren, meine soziale Einstellung in ihre Arbeit hineinzubringen. Ich hatte einen schweren Kampf zu f\u00fchren, um gegen\u00fcber der damals \u00fcberm\u00e4chtigen Agitation der Vaterl\u00e4ndischen Front, die gegen mich als Sozialisten und Juden hetzte mich zu behaupten. Ich konnte aber trotzdem bescheiden leben und wollte in Mattersburg ausharren. Dort erwischte mich der Nationalsozialismus. Was ich dabei k\u00f6rperlich und seelisch mitmachte, d\u00fcrfte Ihnen nicht unbekannt sein. Am meisten kr\u00e4nkte es mich, dass sich nicht ein einziger Mensch fand, der den Mut aufbrachte, sich offen f\u00fcr mich einzusetzen. Ich wei\u00df was f\u00fcr ein furchtbarer Terror w\u00fctete und dass die Menschen furchtbar eingesch\u00fcchtert waren. Aber ich bin Idealist und habe oft f\u00fcr diese meine Mentalit\u00e4t gelitten. Ich hoffte auf einen Idealisten, der sich aber nicht fand.<br \/>\n<\/em><em>Als ich dann aus Mattersburg buchst\u00e4blich hinausgepr\u00fcgelt wurde, so fuhr ich nach Frankreich und stand arm, ohne Sprachkenntnisse einer gro\u00dfen problematischen <\/em><em>Situation gegen\u00fcber. Wie werde ich das Brot f\u00fcr mich und meine Familie verdienen? Ich wurde Arzt in den franz\u00f6sischen Kolonien in Zentralafrika. K\u00e4mpfte dort gegen Malaria und Gelbfieber und erwarb mir eine gute Stellung. Als ich nach Paris zur\u00fcckehrte, brach der Krieg aus, der auch in Frankreich grauenhaft war. Ich musste meine neue Existenz, die ich mir in Paris aufbaute im Juni 1940 als die Deutschen Paris besetzten aufgeben und musste nach S\u00fcdfrankreich gehen, wo ich mir wieder eine neue Existenz aufbaute. Im Mai 1941 fuhr ich mach Amerika, wo ich ohne Mittel, ohne Sprachkenntnisse und ohne Beziehungen ankam. Hier begann ich auf&#8217;s neue<\/em> <em>und nun habe ich eine gut gehende \u00e4rztliche Praxis, die mir die Mittel zum Lebensunterhalt gibt&#8230;&#8230; Es war eine schwere Zeit, die ich all diese Jahre durchmachen musste. Die Flucht von einem Land in das Andere heimatlos und manchmal hoffnungslos war bitter. Heute bin ich aber doch schon so weit, dass ich frei aufatmen kann.<br \/>\n<\/em><em>Was gibt es nun in Mattersburg? Wer von den alten Genossen ist all diese Jahre anst\u00e4ndig geblieben? Ich h\u00f6re \u00fcber Jan Moravitz nichts. Was ist mit ihm? Ich habe all diese Jahre die feste \u00dcberzeugung gehabt, dass es sicher zu den unentwegt anst\u00e4ndigen Genossen geh\u00f6rt. Der Langecker ist doch schon im Jahre 1934 umgefallen, auf ihm rechnete ich nicht. Sein Bruder der Wirt, der Jahre lang von der Arbeiterschaft lebte soll Ja mit seinem Sohn ein wackerer Nazi geworden sein. Wie viele sozialistische Gemeinder\u00e4te gibt es in Mattessburg? Haben wir die Mehrheit? Wie geht es dem ehemaligen B\u00fcrgermeister Koch? Macht er wieder gute Gesch\u00e4fte?<br \/>\n<\/em><em>Ich habe traurige Nachrichten \u00fcber Mattersburg erhalten und dar\u00fcber will ich mich besonders mit Ihnen unterhalten.<br \/>\n<\/em><em>Wir sind sicher einer Meinung, dass die Nazis ein<\/em><em> m\u00f6rderisches und verbrecherisches Gesindel waren. Dass sie Millionen unschuldiger Menschen umgebracht haben und dass sie \u00fcber die ganze Menschheit Verderben und Trauer gebracht haben. Die Nazis sind keine Menschen und haben kein Anrecht auf die Milde anst\u00e4ndiger Menschen. Ich h\u00f6re, dass in Mattersburg ehemalige Nazis noch immer frei herumlaufen, dass sie in ihren Betten schlafen, nachdem sie anstatt den Heldentod f\u00fcr ihre \u201eIdeen zu sterben andere Menschen sterben lie\u00dfen, und nun wieder dort anfangen k\u00f6nnen, wo sie damals angegangen haben. Ich halte dies f\u00fcr ein Verbrechen und als ehemaliger Mattersburger Sozialist sch\u00e4me ich mich f\u00fcr dies. Es ist unbedingt notwendig dieses Gesindel hinter Schloss und Riegel zu setzen oder sonst unsch\u00e4dlich zu machen. Ich h\u00f6re dass der Harns Suchard der jahrelang von der sozialistischen Arbeiterbewegung gelebt hat um einen Tag nach der Machtergreifung durch die Nazis eine Rede beim Haider zu halten, in dem er seine Dienste ihnen anbot und auch entsprechend daf\u00fcr von den Nazis belohnt wurde. Seine ihm w\u00fcrdige Frau war schon illegale Nazi und seine Tochter, die er im sozialistischen Sinn h\u00e4tte erziehen m\u00fcssen, war illegales Mitglied des Bundes Deutscher M\u00e4del und wurde die Frau eines SS-Banditen. Diese feine Familie ist immer noch in Freiheit, wohnt in ihrem Hause. Der Bruder Josef Sudhard ist jemand mit dem ich mich pers\u00f6nlich auseinander werde setzen m\u00fcssen. Dieser dumme Verbrecher hat daneben, dass er Nazi war auch meine arme Mutter beleidigt. Dieser Kerl, der durch die Partei eine sch\u00f6ne Position erlangt hat war ein alter Verr\u00e4ter und hat schon zur Zeit des Nazi Dr Ziegler mit diesem konspiriert. Er ist noch immer auf freiem Fu\u00df und wohnt in eigener Wohnung. Der Steiger der das Gesch\u00e4ft Brandl gestohlen hat l\u00e4uft noch in Freiheit herum. Der Nazi Haider ist in Freiheit gestorben. Was ist mit dem Nazi Dr Strobl, Dr Klein, Gerichtsw\u00e4chter Fennes, der die Gefangenen misshandelte, was mit dem Nazi Schuhmacher und Frau, mit den verschiedenen Dunkel\u2018s die gro\u00dfe Nazis waren, was mit den Adam&#8217;s. lch k\u00f6nnte eine lange Liste schreiben, den ich habe sie alle in meinem Kopf.<br \/>\n<\/em><em>Ich bin f\u00fcr keine blinde Rache, aber ich bin f\u00fcr einem strengen und kompromisslosen Antifaschismus der Tat. Ich werde niemals mich mit einer Bewegung identifizieren, die nicht gewillt ist den Nazismus und ihre Tr\u00e4ger auszurotten. Solange in Mattersburg Nazis noch frei herumlaufen, habe ich keine Sympathie f\u00fcr eine Bev\u00f6lkerung, die dies duldet.<br \/>\n<\/em><em>Ich will aber f\u00fcr die anst\u00e4ndigen Mattersburger ohne Unterschied der Partei alles tun, was in meiner Macht steht. Es ist momentan keine M\u00f6glichkeit Pakete zu schicken. Wir erwarten aber die baldige Er\u00f6ffnung der Grenzen. Ich bin Vorstandsmitglied einer Hilfsaktion und werde meinen Einfluss in dieser Richtung verwenden. Sie lieber Genosse Meidl werden alles erhalten und es nach Ihrem Gutd\u00fcnken verteilen.<br \/>\n<\/em><em>Ich w\u00e4re Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir oft schreiben w\u00fcrden. Ich hoffe in absehbarer Zeit vor\u00fcbergehend nach \u00d6sterreich zu kommen und dann werden wir vieles pers\u00f6nlich besprechen. Ich hoffe bald von einer energischen Nazis\u00e4uberung zu h\u00f6ren.<br \/>\n<\/em><em>Es gr\u00fc\u00dft<\/em><em> Sie, Ihre Frau und alle guten Freunde Ihr freundschaftlichergebener<br \/>\n<\/em><em>Dr. Richard Berczeller<br \/>\n<\/em><em>Anmerkung: Ich bitte Sie diesen Brief alle meine Freunde lesen zu lassen.<br \/>\n<\/em>(Aus: Horvath\/Snodown-Pr\u00f6tsch (Hg.) Richard Berczeller 1902-1994. Sopron. Mattersburg. New York. Mattersburg 1996)<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1929 lie\u00df sich Richard Berczeller als praktischer Arzt in Mattersburg nieder. 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