Eine Kontroverse in Rattersdorf wirft folgende Frage auf: Entstand diese Auseinandersetzung, weil die Personen die letzte Phase des Faschings in ausgelassener Freude ausleben wollten, bevor mit dem Aschermittwoch die strenge Buß- und Fastenzeit beginnt, oder kann bereits ein Glockengeläut die Konfrontationen zwischen Kirche und Sozialdemokratie anheizen?
Das Gendarmeriepostenkommando Rattersdorf berichtete über einen Vorfall an die Bezirkshauptmannschaft Oberpullendorf am 21. Feber 1931:
„Am 15.2.1931 verkündete der Ortspfarrer Dr. Eduard Maitz in Rattersdorf anlässlich des Gottesdienstes von der Kanzel, dass er am Aschermittwoch um 0 Uhr die Glocken läuten lassen wird, um den Gläubigen in Erinnerung zu bringen, dass die Fastenzeit beginnt und die Lustbarkeiten beendet werden sollen.
Zur besagten zeit wurde eine Glocke von der Schwester des Pfarrers, namens Anna Maitz, in Anwesenheit des Haushaltsgehilfin Theresia Maschler geläutet, was unter den Gästen des in unmittelbarer Nähe befindlichen Gasthauses Hutter grosse Erregung hervorrief.
Eine grosse Anzahl des Unterhaltungsteilnehmer, zk. 15 bis 20 Personen, Anhänger der Soz. Partei, stürmten unter lautem Geschrei und Lärm bis in die Naähe des Bogens zum Glockenstuhl und protestierten gegen die Anordnung des Pfarrers und forderte Nikolaus S., Tischlergehilfe in Rattersdorf N. 100, die Anna Maitz auf, das Läuten einzustellen, da dies noch nie in Rattersdorf vorgekommen sei. Hiebei betonte S. ausdrücklich, dass die Glocken von der Ortsbevölkerung angeschafft worden seien, daher selben auch ein Verfügungsrecht zustehe.
Pfarrer Dr. Maitz stand in einiger Entfernung abseits des Glockenstuhls, um ev. Gewalttätigkeiten auf seine Schwester abwehren zu können, und wurde beim Ansichtigwerden von bisher noch unbekannten Personen mit Schneebällen beworfen. Infolge des herrschenden Dunkelheit konnte Pfarrer Dr. Maitz die Schneeballwerfer nicht erkennen. Die Schwester des genannten und auch die Haushaltsgehilfin konnte ebenfalls von den Ruhestörern nur wenig erkennen. Anna Maitz liess sich jedoch trotz der Kraftrede des Schlögl und des Lärmes der übrigen Ruhestörer nicht beirren. Kurze Zeit nachher, als sie zum Läuten aufgehört hatte, begaben sich die Ruhestörer wieder in Gasthaus Hutter zurück.
Am 18.2.1931 erschien über Anregung des soz. Gemeinderäte eine Deputation unter Führung des Bürgermeisters Stefan Schmidt beim Pfarrer Dr. Maitz, woselbst im ruhigen Tone Aufklärung über die Anordnung des Letzteren verlangten, die ihnen vom Pfarrer Dr. Maitz in ebenso ruhiger Form gegeben wurde.
Die Erhebungen nach den übrigen Teilnehmern an der Ruhestörung sind noch nicht abgeschlossen und werden nach Abschluss der Recherchen die Anzeigen an die kompetenten Stellen erstattet werden.“ (BLA, BH Oberpullendorf. 29. Gruppe XI: Polizei Abschnitt 163: Vorfallenheitsberichte Jg. 1931. Zl. 13/3)