Die Wahrnehmung des Neusiedler Sees ist äußerst komplex. Der Schriftsteller Franz Werfel schrieb von „Österreichs seltsamen Gast“ und tatsächlich zeigt sich dieser fremdartige und widersprüchliche See immer wieder sehr launisch. So auch im August 1929, wie das Tagblatt berichtet:
„Der See hat heuer wieder einmal seine unangenehme Laune. Das Wasser hat im jetzigen Sommer stark abgenommen und bei dem seichten Wasserstand war das Baden und Rudern heuer kein Vergnügen.
Freitag kam dann die große Überraschung: Alle jene, die durch die „Schluichten“, die Zufahrtskanäle in die Nähe des Wassers gelangen wollten, mußten feststellen, daß das „offene Wasser“ nicht vorhanden war. Überall nur Schlamm, hie und da ein Tümpel und ganz weit ließ sich ein glänzender, schmaler Streifen sehen, der eigentliche Wasserspiegel des Sees.
Der See ist an diesem buchstäblich durch Schlamm „schwarzen Freitag“ im Norden etwa 10 Kilometer weit nach Süden gerückt, eine trostlose Leere nach sich zurückgelassen. Der Nordwind hat wieder einmal das Wasser nach dem Süden gepeitscht und mehr als 30 Quadratkilometer trockengelegt. Die Folge war ein großes Fischsterben. Zehntausende Fische bleiben im Schlamm zurück und verendeten auf kläglicher Weise. Aber auch die Segel-, Motor- und Ruderboote blieben im Schlamm stecken, die Insassen mußten zu Fuß ans Ufer wandern. Andere wieder zogen in den Schlamm hinaus, um Fische, die in kleinen Tümpeln zurückblieben, einzufangen. Mit der bloßen Hand konnten Prachtexemplare von Karpfen und Hechten lebend geborgen werden.
Die Burgenländer waren über das launische Treiben des Sees schon gar nicht entzückt. Sie fürchteten, daß die Gäste aus Wien davonlaufen werden und besonders am Sonntag der Fremdenzuzug sich vom „trockenen“ Neusiedlersee enttäuscht abwenden werde. Die Weiner Gäste waren aber am Freitag ganz guter Laune und warteten mit Geduld, was da noch kommen werde. Ihrer Meinung nach sei der See erst jetzt recht interessant, wo er es so launisch treibt.
Sie hatten recht behalten.
Am Samstag ist nämlich das Wasser zurückgekehrt. Der Nordwind hatte nachgelassen, das Wasser rauschte in meterhohen Wellen daher, der See bot einen merkwürdigen Anblick und sehr bald standen wieder alle Badeanstalten am Seeufer im Wasser und am heißen Sonntag konnten die Gäste mit gebührender Wassermenge erwartet werden.
Die Ereignisse des „schwarzen Freitags“ sollten aber nicht unbeachtet bleiben. Sie haben uns bewiese, daß im See viel zu wenig Wasser vorhanden ist und das künftig dahingearbeitet werden muß, den Seespiegel zu heben. Allgemein wird gesagt, daß durch den Einserkanal ungemein große Wassermengen abwandern und daß dagegen nichts getan wird.
Der „schwarze Freitag“ beweist uns auch, daß alle jene Bestrebungen unterstützt werden müssen, die sich die Hebung des Wasserspiegels zum Ziel setzen. Wie bekannt, wollen die Erbauer des Schwebebahn Wien-Neusiedlersee zugleich den Wasserspiegel des Sees heben, um das weitere Bestehen der Badeortschaften zu sichern. Die Pläne dieser Herren verdienen also die weitgehende Aufmerksamkeit und Unterstützung seitens der burgenländischen Landesregierung.“
(Tagblatt vom 28. August 1929, S. 1)