Bereits in den 1920er Jahren hatte die österreichische Textilindustrie große wirtschaftliche Herausforderungen zu meistern. Die Weltwirtschaftskrise verschärfte die Probleme zunehmend. Auch die burgenländische Textilindustrie, deren Zentrum sich in Pinkafeld befand, hatte massive Absatzprobleme und Entlassungen waren die Folge. Ein Sündenbock konnte auch alsbald gefunden werden. So schrieb die Bezirkshauptmannschaft Oberwart am 8. September 1932 an das Amt der Burgenländischen Landesregierung in Eisenstadt:
„In der Feintuch- und Schafwollfabrik der Hutter & Schranz A.G. in Pinkafeld wurden mit 26. und 27. August 1932 gegen 60 bis 70 Arbeiter aller Kategorien wegen Auflassung der Schichtenarbeit und wegen Arbeitsmangel auf unbestimmte Zeit abgebaut.
Meine in dieser Hinsicht gepflegten Erhebungen haben folgendes ergeben:
Die Firma Hutter & Schranz hat am 27. August 1932 64 Arbeiter auf unbestimmte Zeit entlassen. Hievon wurden betroffen: 26 männliche, 38 weibliche, darunter 24 verheiratete, 40 ledige, 57 inländische, aus dem Burgenlande stammend und 7 ausländische Arbeiter. Es handelt sich um Weber, Spinner, Spuler und Zwirner. Ausländische, bei der Firma angestellte Spezialarbeiter sind nicht abgebaut worden. Die 7 entlassenen ausländischen Arbeiter sind Frauen, welche schon seit dem Jahre 1922 ununterbrochen bei der Firma als Weberinnen und Spulerinnen in Arbeit stehen und deren Männer auch heute noch dort beschäftigt werden. Bei normalem Betrieb, also vor Einführung der Schichten beschäftigte die Firma 250 Arbeiter. Infolge Einführung der Schichten beschäftigte die Firma 250 Arbeiter. Infolge Einführung der Schichten wurden zirka 30 Arbeiter neu aufgenommen und angelernt, welche nun auch zur Entlassung gelangten. Die übrigen abgebauten Arbeiter standen schon zur Zeit der Konjunktur und vor Einführung der Schichten bei der Firma Hutter & Schranz in Arbeit. Laut eingeholter, von verlässlicher Seite stammender Information ist der Grund der Arbeiterentlassungen auf Absatzstockungen, die jährlich in der Übergangszeit von der Sommer- auf die Wintersaison eintreten, zurückzuführen. Die Firma hofft zuversichtlich, die entlassenen Arbeiter innerhalb 6 bis 8 Wochen wieder in den Betrieb einstellen zu können. In Pinkafeld war das Gerücht verbreitet, dass die jüdischen Firmen, welche Hutter & Schranz Stoffe beziehen, in letzter Zeit die Bestellungen zurückzogen. Dies soll deshalb erfolgt sein, weil Direktor Lüpertz, ein reichsdeutscher Staatsangehöriger, im Betriebe der Firma Hutter & Schranz der nationalsozialistischen Bewegung eine Förderung angedeihen lässt. Es bestand nun in der Öffentlichkeit die Meinung, dass die Arbeiterentlassungen nur infolge Zurückziehung der Bestellungen von Seite der jüdischen Firmen verursacht wurde.
Wie erhoben wurde, entbehren diese Gerüchte jeder Grundlage. Es wurde festgestellt, dass auch bei der Pinkafelder Firma Alexander Putsch und Holzer infolge der Übergangszeit Arbeitsmangel besteht. Auch hier wurde schon die Entlassung von Arbeitern in Erwägung gezogen, doch ist bisher eine derartige Massnahme noch unterblieben. Bemerkt wird, dass die Pinkafelder Textilindustrie im Allgemeinen nur auf Bestellung arbeitet – nicht auf Lager.
Direktor Adolf Friedrich jun. Der Putschfabrik hat mir erwähnt, dass im übrigen Österreich die Textilindustrie derzeit überhaupt stehe, weil die Weltkrise sich auswirke. Die Erzeugnisse der österr. Textilindustrie, auch die Pinkafelder Fabriken sind nämlich in Form von fertigen Kleidern (Konfektion) nach aller Welt in´s Ausland gegangen, wo sie vornehmlich wegen des Wiener Geschmacks der Kleideranfertigung sehr gesucht sind.
Der Bezirkshauptmann Alzner e.h.“ (BLA, Polizei 1932, Zl. 2595-1932)