Bereits kurz nach Kriegsende nahmen zahlreiche Überlebende mit der Gemeinde Frauenkirchen Kontakt auf. So fragten sie zumeist um Dokumente an oder erkundigten sich über den Verbleib ihres Besitzes. Dabei baten sie unter anderem um Auskünfte über die Situation in der Gemeinde oder über den Zustand ihrer Häuser und des Inventars. Ebenso machten sich auch die ehemaligen jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner Gedanken über die Zukunft ihres Friedhofes. Durch die Wiedereinsetzung des Bürgermeisters Wetschka und des Oberamtmannes Paukert kam in einigen Fällen bei den Vertriebenen Zuversicht auf. So auch bei der Familie Tauber, die bis 1938 einen Holz- und Baumaterialienhandel in Frauenkirchen betrieben hatte. Die Familie musste ihre Heimat verlassen und war über Ungarn, wo sie zwei Jahre in einem Sammellager inhaftiert waren, nach Palästina geflohen. In einem Brief an die Stadtgemeinde Frauenkirchen hieß es:
„Haifa, 29.7.1946
An die löbl. Gemeindeverwaltung der Gross- und Marktgemeinde Frauenkirchen!
Sehr verehrter Herr Bürgermeister!
Von meinen Landsleuten hier erfuhr ich, dass Herr Bürgermeister wieder die Ehre haben die Leitung der Gemeindeverwaltung zu führen und erlaube ich mir Sie zu ihrer Amtstätigkeit herzlichst zu beglückwünschen. Wie es stets ihr Vorhaben war, so möge es Ihnen Herr Bürgermeister auch weiterhin vergönnt sein, die Interessen aller Ortsbewohner in bester und gerechter Weise zu vertreten. Wollen Sie gefl. die Güte haben und meinen ganz besonderen Dank und Ausdruck von Hochachtung unsern allerseits verehrten Herrn Oberamtsmann Herrn Paukert übermitteln, den ich aus tiefsten Herzen danke, dass er sich dafür eingesetzt hatte, dass unser Friedhof nicht geschändet wurde und ich noch die Hoffnung habe auf dem Grabe meines verewigten Vaters ein Gebet noch verrichten zu können. Der Allmächtige möge die edle Tat gebührend zollen.
Seit über 7 Jahren befinde ich mir hier, mein Bruder ist in Südamerika und meine Mutter ist in Jerusalem, mit meiner ältesten und jüngsten Schwester in deren Namen ich anbei ebenfalls Grüße bestellen soll. Ich wäre Ihnen sehr mit Dank verbunden, wenn Sie mir darüber Auskunft erteilen würden, wer derzeit unser Haus Hauptplatz 27 bewohnt in welchem Zustand selbes sich befindet. Ferner wer die Hobelwerkstätte auf unserem Lagerplatz benützt oder verwaltet, ferner ob Herr Kettner Stefan noch unserem Lagerplatz neben dem Hotel bei der Eisenbahn dem wir es seinerzeit verpachtet hatten noch weiter bearbeitet. Ferner hat Herr Greilberger seinerzeit der kommissarische Leiter unseres Geschäftes der Gemeindeverwaltung die Rechnungen über das so verwaltete Vermögen gelegt?
Indem ich in vorhinein für die gütige Auskünfte danke verbleibe ich mit landsmannschaftlichen Grüßen mit Hochachtung ihr Albert Tauber.
N.B. Können Sie mir etwa die Adresse von Rechtsanwalt Herrn Dr. Ludwig Marenzi, seinerzeit Neusiedl a/See ermitteln? Wäre Ihnen sehr mit Dank verbunden. Obiger“
(Gemeindearchiv Frauenkirchen. Korrespondenz 1946. 334/1746)