Pfarrer als Grenzgänger

Die Grenzziehung zwischen Österreich und Ungarn zerschnitt familiäre, wirtschaftliche, kulturelle und auch religiöse Verbindungen. Die katholische Pfarrkirche von Loipersbach wurde zuvor vom Pfarrer des benachbarten Agendorf mitbetreut. Die neue Grenze und das vorhandene Misstrauen zwischen Österreich und Ungarn erschwerten nun diese Verbindung.
„An den Herrn Landeshauptmann Josef Rauhofer in Sauerbrunn
Unterfertigter Pfarrer von Agendorf und der Filialgemeinde Loipersbach stellt höflichst die Bitte, daß die löbl. Landeshauptmannschaft ihm erlauben möge, die Landesgrenze bei Loipersbach zu übertreten, so oft es die seelsorglichen Arbeiten verlangen.
Möge Herr Landeshauptmann mir erlauben, meine Bitte mit folgenden Gründen zu unterstützen:
1) Wie ich am 10. Sep. dieses Jahres die Verwaltung der Pfarre von Agendorf übernahm sah ich, daß für den Religionsunterricht der katholischen Kinder in der Filialgemeinde Loipersbach nicht gesorgt war. Da aber die Eltern den Religionsunterricht dringend verlangen, sehe ich für [sic!] notwendig in der Woche 2-mal nach Loipersbach zu fahren.
2) Ich verspreche und versichere der Landeshauptmannschaft, daß ich nur meinen seelsorglichen Dienst verrichte, von politischen Reden oder Handlungen mich gänzlich fernhalten werde.
In der Hoffnung, daß Herr Landeshauptmann mich zur Möglichkeit der Ausübung meiner kirchlichen Pflichten helfen werden, spreche ich meinen innigsten Dank aus und verbleibe ich.
Agendorf, den 25. Sept. 1927
Hochachtungsvoll Josef Varga“
(BLA-Polizei 1927. 867-1300. Zl. III-2226/1927)

 

2019-11-20T07:30:49+00:0020. November 2019|Religion, Zwischenkriegszeit - Politik|0 Kommentare

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