Schwierige Quartiersuche zwischen Rotgardisten und Judengemeinde

2. Teil
Nach dem „beeindruckenden“ Tanzabend begab sich Joseph Roth in Deutschkreutz auf Quartiersuche:
„Da ich ins Wirtshaus trete, singen die Leute grade ein heanzerisches französisches G’stanzel:
Von da Nah und von da Fean
Lod’ ma olli ein, an jedn gseg ma gean.
Ochzig Hella is Eintrittsgöld
Des wegn is a nit g’fölt.
Denn wou spült d’Neuhausa Musi
Dou is a Hetz, a G’schpusi.
Man entdeckt an mir Kragen und Krawatte, hält mich für einen kommunistischen Agitator und feindselige Stille tritt plötzlich ein. Der Wirt poltert los: I kenn‘ Ihna gar nicht!
„Das macht nichts! Sie sollen mich kennen lernen!“
„Was wollen’s denn?“
„Was zu essen und einen Wein! Und schlafen möcht ich hier!“
„Z‘ essen hob i selber nix und schlof’n könnens net. An Wein könnens hab’n, wenn´s Blaugeld han.“
Ich hab Blaugeld und trinke einen Wein. Weil ich mit einer Hundertkronennote zahle, kommt ein Rotgardist plötzlich auf mich zu und nimmt mir dreihundert Kronen ab, worauf ich mich schleunigst aus dem Staube mache. Hundertkronennoten darf nämlich niemand besitzen, es sei denn ein Rotgardist. Nun aber kannst du in Deutsch-Kreuz drei Stunden lang herumwandern und findest kein Quartier und kein Brot. Du bist ein Fremder und wirst verachtet. Kragen, Krawatte und Hochdeutsch verraten dich. Entweder bist du ein Spion der Szegediner, so hat man Angst. Oder du bist ein Agitator Kuns, so hasst man dich. Du kannst verhungern. Zumal, da sowohl der Herr Pfarrer als auch der Herr Notär irgendwo beim Tarock sitzen. Plötzlich sehe ich die Große Mohrengasse auftauchen. Hausierergesichter, typische Leopoldstadt. Eine Judengruppe. Sie reden hochdeutsch mit den Händen. Ihre Bewegungen halten die Mitte zwischen Bedächtigkeit und Leidenschaft. Sie reden Leitartikel über Bela Kun. Bleiche Pogromangst spukt um sie herum. In Deutsch-Kreuz sind sie zu Hause. Da ich einen um Quartier bitte, lässt er mich durch einen rothaarigen, sommersprossigen Judenjungen nach dem Hause eines Glaubensgenossen führen. Ich bekomme Brot und Eier und ein Bett. Ich teile das Zimmer mit einer gelähmten Großmutter, dem Ehepaar und zwei hübschen, schwarzäugigen Töchtern. Am Morgen erlege ich nicht weniger als fünfzig Kronen in Blaugeld und wandere weiter. […]“
(http://www.ojm.at/blog/2011/11/14/mit-joseph-roth-ins-judische-burgenland)

2019-04-30T07:44:10+00:0030. April 2019|Judentum, Soziales, Westungarn|0 Kommentare

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