1929 ließ sich Richard Berczeller als praktischer Arzt in Mattersburg nieder. Als assimilierte Juden war die Familie Berczeller zwar keiner Anfeindung ausgesetzt, eine vollständige Integration blieb ihr aber verwehrt. Seine Aktivitäten als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und ab 1934 der Revolutionären Sozialisten führten während des Austrofaschismus dazu, dass Dr. Richard Berczeller mehrmals verhaftet und ihm der Dienstvertrag entzogen wurde. Im März 1938 wurde er, gemeinsam mit anderen Mattersburger Jüdinnen und Juden, verhaftet, seines Besitzes beraubt und aus seinem Heimatort nach Wien vertrieben. Noch 1938 gelang ihm die Ausreise nach Paris und später an die Elfenbeinküste. 1941 wurde ihm und seiner Familie die Einreise in die Vereinigten Staaten gewährt. Nach Kriegsende nahm er wieder Kontakt mit ehemaligen Freunden in Mattersburg auf.
Brief vom 19. April 1946 von Richard Berczeller, wohnhaft in New York, an Josef Meidl, Bürgermeister von Mattersburg:
„Lieber Genosse Meidl,
Ich danke Ihnen herzlichst für Ihre lieben und herzlichen Zeilen. Es war sicher ein großes Erlebnis für mich von einem so alten und erprobten Freund ein Lebenszeichen zu erhalten. Es erweckte in mir alte Erinnerungen an eine so weit zurückliegende Zeit in der ich gerne und mit viel Enthusiasmus als Arzt und Sozialist in Mattersburg lebte und wirkte. Sie wissen, dass ich es mit allen ernsten Problemen des Lebens ernst meine und so war meine Einstellung gegenüber Fragen meines Berufes und meiner Ideologie auch in Mattersburg eine korrekte und kompromisslose. lch freue mich aus ihrem Brief entnehmen zu können, dass viele Menschen in Mattersburg dies richtig einschätzten.
Ich hatte in Mattersburg es oft sehr schwer. Im Jahre.1934 wurde der erste Schlag gegen mich versetzt. Ohne Grund und Ursache wurde mir meine Krankenkassenstelle genommen, die mich so wichtig war, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil ich Arbeiter gerne behandelte. Meine Kollegen Strobl und Seedoch traten mein Erbe an und ich weiß nicht, ob sie imstande waren, meine soziale Einstellung in ihre Arbeit hineinzubringen. Ich hatte einen schweren Kampf zu führen, um gegenüber der damals übermächtigen Agitation der Vaterländischen Front, die gegen mich als Sozialisten und Juden hetzte mich zu behaupten. Ich konnte aber trotzdem bescheiden leben und wollte in Mattersburg ausharren. Dort erwischte mich der Nationalsozialismus. Was ich dabei körperlich und seelisch mitmachte, dürfte Ihnen nicht unbekannt sein. Am meisten kränkte es mich, dass sich nicht ein einziger Mensch fand, der den Mut aufbrachte, sich offen für mich einzusetzen. Ich weiß was für ein furchtbarer Terror wütete und dass die Menschen furchtbar eingeschüchtert waren. Aber ich bin Idealist und habe oft für diese meine Mentalität gelitten. Ich hoffte auf einen Idealisten, der sich aber nicht fand.
Als ich dann aus Mattersburg buchstäblich hinausgeprügelt wurde, so fuhr ich nach Frankreich und stand arm, ohne Sprachkenntnisse einer großen problematischen Situation gegenüber. Wie werde ich das Brot für mich und meine Familie verdienen? Ich wurde Arzt in den französischen Kolonien in Zentralafrika. Kämpfte dort gegen Malaria und Gelbfieber und erwarb mir eine gute Stellung. Als ich nach Paris zurückehrte, brach der Krieg aus, der auch in Frankreich grauenhaft war. Ich musste meine neue Existenz, die ich mir in Paris aufbaute im Juni 1940 als die Deutschen Paris besetzten aufgeben und musste nach Südfrankreich gehen, wo ich mir wieder eine neue Existenz aufbaute. Im Mai 1941 fuhr ich mach Amerika, wo ich ohne Mittel, ohne Sprachkenntnisse und ohne Beziehungen ankam. Hier begann ich auf’s neue und nun habe ich eine gut gehende ärztliche Praxis, die mir die Mittel zum Lebensunterhalt gibt…… Es war eine schwere Zeit, die ich all diese Jahre durchmachen musste. Die Flucht von einem Land in das Andere heimatlos und manchmal hoffnungslos war bitter. Heute bin ich aber doch schon so weit, dass ich frei aufatmen kann.
Was gibt es nun in Mattersburg? Wer von den alten Genossen ist all diese Jahre anständig geblieben? Ich höre über Jan Moravitz nichts. Was ist mit ihm? Ich habe all diese Jahre die feste Überzeugung gehabt, dass es sicher zu den unentwegt anständigen Genossen gehört. Der Langecker ist doch schon im Jahre 1934 umgefallen, auf ihm rechnete ich nicht. Sein Bruder der Wirt, der Jahre lang von der Arbeiterschaft lebte soll Ja mit seinem Sohn ein wackerer Nazi geworden sein. Wie viele sozialistische Gemeinderäte gibt es in Mattessburg? Haben wir die Mehrheit? Wie geht es dem ehemaligen Bürgermeister Koch? Macht er wieder gute Geschäfte?
Ich habe traurige Nachrichten über Mattersburg erhalten und darüber will ich mich besonders mit Ihnen unterhalten.
Wir sind sicher einer Meinung, dass die Nazis ein mörderisches und verbrecherisches Gesindel waren. Dass sie Millionen unschuldiger Menschen umgebracht haben und dass sie über die ganze Menschheit Verderben und Trauer gebracht haben. Die Nazis sind keine Menschen und haben kein Anrecht auf die Milde anständiger Menschen. Ich höre, dass in Mattersburg ehemalige Nazis noch immer frei herumlaufen, dass sie in ihren Betten schlafen, nachdem sie anstatt den Heldentod für ihre „Ideen zu sterben andere Menschen sterben ließen, und nun wieder dort anfangen können, wo sie damals angegangen haben. Ich halte dies für ein Verbrechen und als ehemaliger Mattersburger Sozialist schäme ich mich für dies. Es ist unbedingt notwendig dieses Gesindel hinter Schloss und Riegel zu setzen oder sonst unschädlich zu machen. Ich höre dass der Harns Suchard der jahrelang von der sozialistischen Arbeiterbewegung gelebt hat um einen Tag nach der Machtergreifung durch die Nazis eine Rede beim Haider zu halten, in dem er seine Dienste ihnen anbot und auch entsprechend dafür von den Nazis belohnt wurde. Seine ihm würdige Frau war schon illegale Nazi und seine Tochter, die er im sozialistischen Sinn hätte erziehen müssen, war illegales Mitglied des Bundes Deutscher Mädel und wurde die Frau eines SS-Banditen. Diese feine Familie ist immer noch in Freiheit, wohnt in ihrem Hause. Der Bruder Josef Sudhard ist jemand mit dem ich mich persönlich auseinander werde setzen müssen. Dieser dumme Verbrecher hat daneben, dass er Nazi war auch meine arme Mutter beleidigt. Dieser Kerl, der durch die Partei eine schöne Position erlangt hat war ein alter Verräter und hat schon zur Zeit des Nazi Dr Ziegler mit diesem konspiriert. Er ist noch immer auf freiem Fuß und wohnt in eigener Wohnung. Der Steiger der das Geschäft Brandl gestohlen hat läuft noch in Freiheit herum. Der Nazi Haider ist in Freiheit gestorben. Was ist mit dem Nazi Dr Strobl, Dr Klein, Gerichtswächter Fennes, der die Gefangenen misshandelte, was mit dem Nazi Schuhmacher und Frau, mit den verschiedenen Dunkel‘s die große Nazis waren, was mit den Adam’s. lch könnte eine lange Liste schreiben, den ich habe sie alle in meinem Kopf.
Ich bin für keine blinde Rache, aber ich bin für einem strengen und kompromisslosen Antifaschismus der Tat. Ich werde niemals mich mit einer Bewegung identifizieren, die nicht gewillt ist den Nazismus und ihre Träger auszurotten. Solange in Mattersburg Nazis noch frei herumlaufen, habe ich keine Sympathie für eine Bevölkerung, die dies duldet.
Ich will aber für die anständigen Mattersburger ohne Unterschied der Partei alles tun, was in meiner Macht steht. Es ist momentan keine Möglichkeit Pakete zu schicken. Wir erwarten aber die baldige Eröffnung der Grenzen. Ich bin Vorstandsmitglied einer Hilfsaktion und werde meinen Einfluss in dieser Richtung verwenden. Sie lieber Genosse Meidl werden alles erhalten und es nach Ihrem Gutdünken verteilen.
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir oft schreiben würden. Ich hoffe in absehbarer Zeit vorübergehend nach Österreich zu kommen und dann werden wir vieles persönlich besprechen. Ich hoffe bald von einer energischen Nazisäuberung zu hören.
Es grüßt Sie, Ihre Frau und alle guten Freunde Ihr freundschaftlichergebener
Dr. Richard Berczeller
Anmerkung: Ich bitte Sie diesen Brief alle meine Freunde lesen zu lassen.
(Aus: Horvath/Snodown-Prötsch (Hg.) Richard Berczeller 1902-1994. Sopron. Mattersburg. New York. Mattersburg 1996)