Moses Leopold, geb. 1888 in Mödling, war Journalist und verantwortlicher Leiter des Jüdischen Nachrichtenblattes Ausgabe Wien. Dr. Moses Leopold wurde am 24. April 1888 in Mödling (Österreich) geboren, war Archivar und Bibliothekar und betreute ab 1934 das Archiv und die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. In den 1920er Jahren widmete er sich auch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der jüdischen Gemeinden im Burgenland. Er besuchte diese und berichtete über seine Eindrücke. Im April/Mai 1928 war er zu Gast in Frauenkirchen:
Frauenkirchen ist ein freundliches Städtchen, dessen breite und nicht gerade dicht verbaute Straßen sogar schon elektrisch beleuchtet sind. Es ist innerhalb seines Bezirkes ein richtiges Handelszentrum, wir aber hatten dort entschiedenes Pech und konnten bei unserer Ankunft – es war 11 Uhr nachts – von einem freundlichen Empfang nicht viel merken. In allen Gasthöfen, soweit sie überhaupt noch geöffnet hatten, bedauerte man, daß nichts mehr frei wäre; inzwischen wurde es 12 Uhr, die Straßenbeleuchtung erlosch, und wir standen in den finsteren und menschenleeren Gassen. Mit Mühe fanden wir den Weg zum Bahnhof zurück und konnten dort in einer unversperrten Veranda, halb unter freiem Himmel auf harten Bänken einige Stunden lang die müden Beine ausstrecken. Zum Glück war die Nacht schwül, und so mußten wir wenigstens nicht befürchten, dieses Abenteuer mit einem Schnupfen zu bezahlen.
Am nächsten Morgen machten wir im Bet ha-Midrasch und im jüdischen Cafe-Restaurant die Bekanntschaft der Juden von Frauenkirchen. Wir lernten in ihnen streng fromme und brave Leute kennen, die sich im Durchschnitt einer gewissen Wohlhabenheit erfreuen und um die schöne alte Synagoge herum, in den paar Hauptstraßen des Städtchens und einigen schmalen Gässchen dazwischen Handel und Gewerbe betreiben. Vor mehreren Jahrzehnten liebäugelten auch die Frauenkirchner Juden ein wenig mit freieren Lebensformen, aber dann kam der Krieg und nach ihm der Bandenkrieg in Westungarn, und mancher von ihnen erlitt schwere Schicksalsschläge. Da aber zeigte sich, aus welchem Holze sie geschnitzt sind, sie wurden wieder würdige Söhne ihrer Väter, und heute schöpft in dieser Gemeinde wieder wie in alter Zeit Jung und Alt tagsüber und abends aus dem ewigen Lebensquell des Judentums: Thora und Talmud.“
(In: Leopold Moses. Spaziergänge. Studien und Skizzen zur Geschichte der Juden in Österreich, Hg. Patricia Steines, Wien 1994. S. 176, 177.)
Moses Leopold wurde im Dezember 1943 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet.